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 Blutiger Schnee 
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Beitrag Blutiger Schnee
Hier mal eine fiktive Geschichte von mir...ein Mittelalter, dass es so nie gegeben hat...
Ich habe mir einmal vorzustellen versucht, was wohl gewesen wäre, wenn König Richard nicht so jung gestorben wäre..


Poitiers, Anfang Dezember 1219

Gerade hatte Vater es uns gesagt. Mutter würde bald schon wieder ein Kind bekommen, es ist schon das 20. Meine zwei älteren Brüder lebten schon nicht mehr bei uns, sie hatten längst eigene Familien gegründet. Sechs Kinder waren schon im Kleinkindalter gestorben...und mit den neuen Kind wären wir dann dreizehn Kinder. Schon jetzt war es viel zu eng, wir wohnten mit vierzehn Leuten in einem kleinen Zimmer in Poitiers. Mehr konnte Vater sich als Tagelöhner nicht leisten, er hatte es schon schwer genug, die Familie durchzubringen.
Ein weiteres hungriges Maul zu stopfen, das würde nicht leicht seiin, schon jetzt war kaum genug für alle da.
Und so schwante mir nichts Gutes, als Vater mich zu sich rief.
"Malina, du kannst nicht hierbleiben"; sagte er mir freiheraus, du bist nun alt genug, um selbst für dich sorgen zu können. Da ich kein Geld habe, um dich zu verheiraten, wirst du ab morgen als Magd arbeiten. Und du hast Glück...ich war eben im Wilden Hirsch und habe dort einen alten Freund getroffen, der dir eine Anstellung als Magd verschaffen kann."
Ich erschrak als ich das hörte.
"Bitte lass mich hierbleiben, Vater, ich werde Mutter auch bei allem helfen, und noch mehr arbeiten als bisher. Wer soll denn die Kinder hüten, wenn ich nicht mehr da bin?"
Harte Arbeit war ich gewohnt, das schreckte mich nicht. Aber als Magd hatte man keinerlei Rechte, und oft musste man für seinen Herren die Beine breit machen, und tat man es nicht, dann wurde man geschlagen und erhielt keinen Lohn. Eine meiner Freundinnen hatte eine Herrin gehabt, die ihr den ganzen Rücken mit der Rute blutig geschlagen hatte, nur weil sie versehentlich eine Schüssel zerbrochen hatte.
Nein, ein solches Leben war nichts für mich, das war die Hölle auf Erden.
Ich musste ihn unbedingt überreden, mich hierzubehalten.

"Lass mich doch erstmal ausreden, Kind. Mein Freund arbeitet im Palast als Knecht. Gestern ist eine der Mägde gestorben, und deswegen wurde jetzt eine Stelle frei. Da hat er mich gleich gefragt, ob ich nicht eine meiner Töchter schicken will...und natürlich habe ich ja gesagt. Die Mägde dort verdienen besser als anderswo, und du hast Kost und Logis frei. Somit kannst du etwas zu unserem Familieneinkommen beitragen...jetzt, wo bald das neue Kind kommt. Und wer weiss...vielleicht findet ja einer der hohen Herren Gefallen an dir."
"Aber ich will nicht gehen, Vater! Ich würde hierbleiben!", protestierte ich.
Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie es sein würde, nicht mehr bei der Familie zu leben, nicht mehr die Geschwister jeden Tag um sich zu haben.
Drei meiner Brüder prügelten sich um einen Holzritter, den der Vater ihnen geschnitzt hatte, die anderhalbjährige Lucille krabbelte im Raum herum, zwei der größeren Mädchen spielten mit ihren Puppen...
Wenig später kamen der neunjährige Peter und der zehnjährige Stephane mit einem Sack nach Hause.
"Wir haben heute ganz viele Ratten gefangen!"; erklärte Peter stolz, "davon werden wir alle satt!"
Weil Vaters karger Lohn nicht reichte, um uns alle satt zu bekommen, schickte er die Söhne regelmässig zum Rattenfangen. Wenn man die Tiere gehäutet hatte, konnte man das Fleisch braten, und eine gute Suppe daraus machen.
An diesem Abend bekam ich die Suppe mit dem meisten Fleisch, weil es mein letzter Abend in der Familie war. Ab morgen würde ich in einer der Gesindekammern im Palast wohnen, und nur noch an Feiertagen, wenn ich frei bekam, nach Hause kommen können.
In dieser Nacht bekam ich vor Angst kein Auge zu. Ich fragte mich, wie mein neues Leben als Magd im Palast wohl sein würde. Erst kurz v or Sonnenaufgang fiel ich in einen leichten Schlaf.

Vaters Freund holte mich am Morgen ab, um mich zum Palast zu bringen, der nur nur fünf Gehminuten von meinem Zuhause entfernt war.
Für mich war das gewaltige, zweistöckige graue Steingebäude mit den hohen Türmen seit meiner frühesten Kindheit ein vertrautes Bild, das ich fast jeden Tag gesehen hatte, wenn auch immer nur von außen. Einmal hatte ich sogar den alten König gesehen, der manchmal selbst herauskam, um milde Gaben an die Armen zu verteilen. Vor zwei Jahren, kurz nach seinem sechzigsten Geburtstag, war der König gegen seinen Bruder Prinz John, der ihm ein Leben lang nur Probleme bereitet hatte, in den Krieg gezogen, und wieder einmal hatte John den Kürzeren gezogen. John war in Gefangenschaft geraten, aber König Richard hatte seinen Bruder schon nach kurzer Zeit wieder laufen lassen, nachdem der ihm versprochen hatte, nie wieder gegen ihn zu konspirieren. So war es fast jedes Mal, immer wieder begnadigte der alte König seinen Bruder..fast dreißig Jahre ging das jetzt schon so, und alle wunderten sich über den Grossmut des Königs.
Prinz John versuchte jedoch immer wieder seinen Bruder zu stürzen, weil er fand, dass ihm die Krone von England zustand, da Richard sich ohnehin nie dort aufhielt, und er dagegen mit ganzen Herzen ein Engländer sei. Wahrscheinlich hätte Richard seinem Bruder sogar freiwillig England überlassen, wenn John nicht so ein Tyrann gewesen wäre, der König war der Meinung, dass man das dem englischen Volk nicht antun könne.
Richard war König von ganz Frankreich und von England, wo er sich aber nur selten aufhielt. Vater hatte gesagt, dass vor zwanzig Jahren noch Philippe Capet König von Frankreich gewesen war, und Richard nur Herzog von Aquitanien, König vonEngland und Philippes Vasall. Das konnte ich mir kaum vorstellen, denn die Herrschaft von König Philippe Auguste hatte ich nicht erlebt. Kurz nach der Jahrhundertwende hatte Richard dann Paris eingenommen. Philippe Capet war geflohen, noch bevor die Stadt fiel, und bis heute wusste niemand, wo er und seine Familie sich jetzt aufhielten.
Der Neffe des Königs, Otto, war nun deutscher Kaiser, und somit regierten die Plantagenets fast in ganz Europa.
Löwenherz, so nannten sie den König seitdem er auf dem dritten Kreuzzug im heiligen Land gewesen war, wegen seiner Tapferkeit. Er war ein fähiger Heerführer, der fast jede SChlacht für sich entschied. Drei Söhne hatte er mit seiner Frau Berengaria...den 18 jährigen Henry, den 16jährigen Richard und den 11 jährigen Gilles. Dann gab es noch die 14 jährige Tochter Alienor, benannt nach Richards Mutter Alienor, der Königin der Troubadoure.
Vater wusste immer, was bei Hofe gearde vor sich ging, weil sein Bekannter ihm im Wilden Hirsch davon erzählte...ein paar Bier lösten immer seine Zunge, und als Knecht im Palast bekam man so einiges mit.

"Du brauchst keine Angst zu haben"; meinte Marc-Per, als wir über den Marktplatz zum Palast gingen, "es ist gute ARbeit, und wir werden hier besser bezahlt als anderswo. Und wenn du jemanden von der königlichen Fammilie siehst, dann brauchst du nicht nervös zu sein, glaub mir, das sind auch nur Menschen. Eines kann ich dir aber nur raten...nimm dich vor dem Prinzen Henry in Acht...der steigt jedem Rock hinterher."
Dann verschwanden wir durch den gut bewachten Dienstboteneingang im Palastgebäude, und Marc-Per führte mich erst einmal in die Küche, wo die Köchin Bertha mir ein Stück Kuchen und ein Glas warme Milch gab, und ging dann wieder.
"Bertha wird dir zeigen, was du zu tun hast..du kannst ihr heute in der Küche helfen"; sagte Marc-Per, "ich muss jetzt die Stallungen ausmisten."
Der Kuchen war ein Walnusskuchen und schmeckte einfach himmlich, ebenso die Milch. Zuhause hatte es nie etwas Süßes gegeben, und auch nie ein ganzes Glas Milch für ein Kind alleine.
"Dankeschön, das schmeckt wirklich gut,"; meinte ich, während ich den letzten SChluck Milch trank, "ganz anders als die Milch sonst schmeckt."
In der Milch war ein ganz eigenartiger, würzig-süsslicher Geschmack, den ich nicht einordnen konnte...es schmeckte einfach himmlich.
" Ich hab Zimt reingetan...das gibt der Milch den guten Geschmack. Der Zimt ist eigentlich für die hohen Herrschaften...aber keiner merkts, wenn ich ab und zu was für uns nehme. Du bist ja so mager, Kleines....aber das wird sich bald ändern, wenn du ne Weile hier bist....dafür werde ich schon sorgen, Milch und Kuchen haben wir genug, da bleibt für dich und die anderen Mägde immer was übrig. Die arme Minou hat meinen Kuchen und die Milch auch geliebt."

Ich hatte keine Ahnung, was Zimt war, das Wort hatte ich noch nie gehört. Aber im Augenblick gab es auch etwas, das mich weit mehr beschäftigte.
"Wer ist denn Minou?"; wollte ich wissen.
"Minou hat hier als Magd gearbeitet, und das arme Ding wurde gestern morgen tot aufgefunden...man hat ihr die Kehle durchgeschnitten...."; brauchte die Köchin schliesslich hervor und bekreuzigte sich, "und niemand weiss, wer das getan haben könnte."
Das war also jene Magd, die gestorben, un deren Stelle nun frei war.
Von einem Mord hatte Marc-Per meinem Vater allerdings nichts gesagt.
Der Gedanke, dass hier im Palast ein wahnsinniger Mörder sein Unwesen treiben könnte, versetzte mich in Panik, und ich überlegte, ob ich nicht nach Hause gehen und Vater davon erzählen sollte...dann würde er mich bestimmt nicht zurückschicken.
Aber trotz meiner Angst wollte ich eigentlich gar nicht nach Hause.....
ich war neugierig auf meine ARbeit und auf das Leben hier, und ich wollte so gerne öfters in den Genuss von Berthas Kuchen und warmer Milch kommen.
Kurz darauf kam ein junges Mädchen mit rosigen Wangen und blonden Zöpfen herein.
"Das ist Angelique"; stellte die Köchin sie mir vor, "sie kommt aus Paris, und sie arbeitet seit einem Jahr hier. Angelique, das ist Malina...sie fängt heute hier an. Ihr beide werdet nachher zusammen mit Claire und Barbara den hohen Herrschaften das Essen auftragen."

Gleich am ersten Tag hier der königlichen Familie das Essen servieren...das machte mich dann doch sehr nervös. Ich hatte sie noch nie aus der Nähe gesehen, und für mich waren sie immer noch wie überirdische, fast göttliche Wesen.
Mein Gesicht sprach wohl Bände, den kurz darauf meinte Angelique.
"Glaub mir, das sind auch nur Menschen...wenn du sie ein oder zweimal gesehen hast, wird es für dich das normalste auf der Welt sein. Und nimm dich bloß vor Prinz Henry in Acht, der kneift uns Mägde gerne mal in den Hintern. Und immer wieder versucht er, die eine oder andere von uns in eine dunkle Ecke zu ziehen und zu...na du weisst was ich meine..."
Natürlich wusste ich, was sie meinte, denn ich hatte ja immer mit meinen Eltern und GEschwistern in einem RAum geschlafen, und dabei auch gehört, was die Eltern nachts taten.
"Und wenn wir nicht wollen, dann wird er wütend und schlägt uns"; fügte Angelique noch hinzu, "der alte König hat ihn schon mehrmals hart bestraft, weil er uns Mägde belästigt, aber er lässts trotzdem nicht sein. Manche gehen auch freiwillig mit, weil sie hoffen, schwanger zu werden, sie wissen genau, dass König Richard ihnen dann so viel Geld geben würde, dass sie ausgesorgt hätten. Und im Gegensatz zu seinem Sohn hat der alte König ein großes Herz, der würde einen Bastardenkel sogar in die königliche Familie aufnehmen."
Zunächst arbeiteten wir in der Küche, halfen Bertha bei der Zubereitung einer Wildpastete und einer Aalsuppe, dann sollten wir servieren.
Meine Knie waren ganz weich, und ich fragte mich, ob ich das wohl schaffen, oder ob ich mich beim Servieren total dumm anstellen würde.

Nachdem wir mit der Zubereitung des Essens fertig waren, musste ich zusammen mit Barbara, Angelique und Claire der königlichen Familie im Rittersaal servieren. Barbara trug die Platte mit der Wildpastete, Claire die Suppe, Angelique das Brot und andere Beilgen, und ich musste ein Tablett mit zwei schweren vollen Weinkrügen und mehreren Bechern darauf tragen. Schon nach kurzer Zeit taten mir die Arme weh, doch ich biss tapfer die Zähne zusammen.
Erst ging es eine lange Wendeltreppe hinauf, dann einen mir meilenlang erscheinenden Gang, der nur schwach von den Fackeln, die alle paar Meter an der Wand angebracht waren erhellt wurde.
Dann kamen wir endlich zum Rittersaal, und Angelique trat zu erst ein, gefolgt von Barbara, Claire, und als letzte dann mir.
Mein Herz pochte heftig vor Aufregung, als wir durch den riesgen Saal nach vorne schritten. Drei lange Tische waren in einer Hufeisenformation aufgestellt. Die beiden unteren Tische des Hufeisens waren leer, am vorderen saß die königliche Familie mit dem Rücken zum wärmenden Kamin.. In der Mitte saß der König, der trotz seines Alters immer noch eine stattliche Erscheinung war, auf einem erhöhlten, mit rotem Samt besetzten Thronsessel, neben ihm seine Frau, Königin Berengaria. Die goldnenen Kronen auf den Häuptern der beiden beiden funkelten im Feuerschein. Neben dem König saßen zwei junge Männer, die beide das selbe rotblonde Haar und die gleichen azurblauen Augen hatten, und auf der anderen Seite, neben der Köngin saß ein bildschönes junges Mädchen mit hellbraunem Haar und grünen Katzenaugen, und neben ihr ein etwa elf oder zwölfjähriger Junge mit dem pechschwarzen Haar der aus Spanien stammenden Königin.
Das war sie also die königliche Familie.

Wie zur Salzsäule erstarrt stand ich da und starrte sie an, während Angelique, Barbara und Claire das Essen auftrugen. Meine Hände zitterten, und das Tablett drohte mir aus den Händen zu fallen, und obwohl ich wusste, dass ich jetzt eigentlich das Tablett abstellen, und den königlichen Herrschaften ihren Wein einschenken sollte, war ich in diesem Moment zu keiner Bewegung fähig, ich war viel zu nervös. Sicher, Marc-Per und die Köchin Bertha hatten gesagt, dass sie doch auch nur Menschen wären, doch in diesem Moment, als ich sie das erste Mal sah, mit ihren goldenen Kronen und den prachtvollen, mit Eldelsteinen besetzten Gewändern aus Samt und Brokat erschienen sie mir wirklich wie überirdische Wesen.
Ausgerechnet der König bemerkte als erster meine Verlegenheit und winkte mich zu sich heran.
Anstatt mich zu tadeln schenkte er mir ein freundliches Lächeln.
"Ich habe dich hier noch nie gesehen, Mädchen...bist du neu hier?"
Ich konnte nur nicken, unfähig, auch nur ein Wort herauszubringen.
"Wie heisst du denn, mein Kind?"; wollte er von mir wissen.
"Ma...ma..ma...ma...ma...li...li..na..", stammelte ich.
Ich hatte noch nie in meinem Leben gestottert, aber jetzt wollten die Worte einfach nicht herauskommen....
Meine Hände zitterten so sehr, dass das Tablett mir beinahe aus den Händen fiel.
Da geschah etwas, womit ich nun wirklich nicht gerechnet hätte.
König Richard stand auf, kam zu mir und nahm mir das Tablett aus den Händen, um es dann selbst am Tisch abzustellen.
"Du brauchst wirklich keine Angst zu haben, Kind, wir beißen doch nicht", meinte er freundlich, "komm, jetzt kannst du uns einschenken."
Ich tat wie mir geheißen, und machte mich daran, jedem einen Becher Wein einzuschenken, erst dem König, dann seiner bildschönen spanischen Gattin und anschliessend ihren vier Kindern.
Dabei bemerkte ich eine Hand, die plötzlich auf meinem Hintern lag, und mich dann fest hineinkniff....so dass ich erschrocken aufschrie.
"Schön fest und prall...so mag ich es"; raunte der junge Prinz Henry mir leise zu, "du wirst heute Abend zu mir in mein Gemach haben..und bring noch eine deiner Freundinnen mit..."
"Lass das Mädchen in Ruhe, Henry! Dein VAter und ich haben dir oft genug gesagt, dass wir dieses Verhalten nicht mehr dulden werden!"; wies die Königin ihren Sprössling zuurecht.
"Ach Mutter...warum diese Aufregung...das sind doch nur Mägde...",maulte der junge Mann.
"Nun, Junge, du solltest das beherzige, was deine Großmutter immer gesagt hat..sie meinte, dass alle Menschen vor Gott gleich sind, und das glaube ich auch. Nur weil wir königlichen Geblüts sind, sind wir noch lange nichts Besonderes, merkte dir das gefälligst!"

Der alte König bedachte den jungen Henry mit einem strafenden Blick.
"Ich bin enttäuscht von dir, mein Junge. Und ich dachte, du hättest mittlerweile meine Worte beherzigt, anstatt dich immer noch wie ein trotziges kleines Kind zu verhalten. Eigentlich wollte ich dich nächstes Jahr zum König von England machen...ich bin ja ohnehin nie dort, und England braucht einen König...aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass du noch nicht reif genug bist, dieses Land zu regieren. Manchmal bist du sogar noch schlimmer als dein Onkel John."
"Aber Vater!"; maulte der junge Henry, "ich bin schon achtzehn Jahre alt, und ich will endlich mein eigenes Königreich haben! Ich habe keine Lust, als ewiger Thronfolger zu enden! Falls du so alt wie Großmutter wirst, wäre ich ja schon vierzig, wenn ich dein Reich erbe.....also gib mir bitte wenigstens England!"
"Du wirst dich gedulden müssen, mein Sohn, bis ich dich für reif genug befinde, dann bekomst du England, und nicht einen Tag früher"; entschied König Richard.
Ich schenkte währenddessen rasch allen Königskindern ihren Wein ein, wobei ich bewusst Abstand zum jungen Henry hielt.
Aber der beachtete mich schon gar nicht mehr, weil er gerade in die heftige Diskussion mit seinem Vater vertieft war.

Als ich fertig war, verließ ich mit den anderen drei Mägden den Saal.
"Der alte König ist ja wirklich nett zu uns Mägden", flüsterte ich Angelique zu, als wir endlich draußen waren.
"Ja, ganz im Gegensatz zum jungen Henry"; erwiderte diese, "ich befürchte, dass es zwischen den beiden irgendwan zum Krieg kommen wird. Meine Mutter hat gesagt, dass König Richard einst auch gegen seinen Vater Krieg geführt hat, als er ein junger Mann war, weil sein Vater nicht ihn, sondern den jüngeren John zum Thronfolger ernennen wollte. Und so kam es zu einem sieben Jahre währenden Krieg, der erst endete, als Henry schliesslich auf dem Totenbett lag."
Ich konnte den jungen Henry nicht verstehen...wieso war ihm die Macht so wichtig...er hatte doch eine wunderbare Familie, Eltern die ihn liebten, und er musste niemals hungern und frieren...wieso genügte ihm das nicht zum Glücklichsein?
Wieso wollten diese jungen Prinzen immer mehr als sie ohnehin schon besaßen? Ich verstand das einfach nicht.

Am Nachmittag schickte die Köchin mich zum Putzen und Abräumen in den Rittersaal, und da begegnete ich erneut dem Prinzen Henry, und es wurde keine erfreuliche Begegnung. Zu Favoriten hinzufügenX

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17. Jan 2011, 10:42
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Beitrag Re: Blutiger Schnee
Das ist schon witzig. Ich hatte die ersten Sätze gelesen, da kam mir absolut die gleiche Idee zum von Dir später beschriebenen, geschichtlichen Hintergrund.
England und Frankreich unter Richards Krone vereint und Otto statt dem Staufer Friedrich Kaiser des heiligen römischen Reiches.
Aber es geht ja noch weiter. Richard plante schon 1199 einen erneuten Kreuzzug. Ohne Saladin als Gegner und mit völlig zerstrittenen Nachfolgern als Gegnern hätte er sicherlich diesmal Jerusalem eingenommen, vielleicht sogar kampflos, wie einige Jahre später
Heinrich II.
Interessant wäre, wie dann heute die Landkarte aussähe!
Bin gespannt, wie die Geschichte weiter geht.

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17. Jan 2011, 18:02
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Beitrag Re: Blutiger Schnee
@Caprimond

Freut mich, dass es dir gefällt.
Ich werde am Wochenende ein weiteres Kapitel hier reinstellen...eines kann ich ja schonmal verraten...es wird zum Konflikt zwischen Richard und dem jungen Henry kommen, angestachelt von Prinz John.
Aber mehr will ich nicht verraten, soll ja spannend bleiben ;)
Ich persönlich glaube jedenfalls, dass die Landkarte in etwa so ausgesehen haben könnte, wenn Richard überlebt hätte.

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17. Jan 2011, 21:50
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Beitrag Re: Blutiger Schnee
So, hier mal das nächste Kapitel....


Später schickte die Köchin mich in den Rittersaal zum Abräumen. Mir gefiel es gar nicht, dass ich alleine gehen musste, denn noch kannte ich mich im Palast nicht sehr gut aus, und hatte Angst, mich zu verirren oder wieder Prinz Henry zu begegnen.
Und meine schlimmsten Befürchtungen sollten wahr werden...
Zwar verirrte ich mich nicht, aber plötzlich stand Henry vor mir, als ich gerade dabei war, die Teller abzuräumen. Er drückte sich einfach ganz fest an mich, und versuchte dann, meine Brüste zu begrabschen. Ich stieß ihn von mir, aber dummerweise fielen mir dabei die Teller, die ich gerade vom Tisch genommen hatte, aus den Händen.
"Diese Teller wirst du von deinem Lohn bezahlen müssen"; sagte Henry und zog an meinem Rock, "allerdings könnten wir das auch anders regeln...gleich hier und jetzt...dann wirst du auch deinen Lohn bekommen."
"Da verzichte ich lieber auf meinen Lohn", erwiderte ich kühl, und wandte mich zum Gehen.
Prinz Henry machte mir Angst, und allmählich begann ich mich zu fragen, ob er womöglich etwas mit dem Tod dieser Magd, die vor mir hier gearbeitet hatte, zu tun hatte.
Nun blitzten seine azurblauen Augen vor Zorn, und sein Gesicht wirkte so starr und kühl wie das einer Marmorstatue.
"Wenn du nicht tust was ich möchte, dann sorge ich dafür, dass du deine Stellung hier verlierst. Dann kannst du wieder zurück in dein Dorf gehen, oder wo auch immer du herkommst...bestimmt bist du auch aus einer dieser Familien, wo alle in einem Raum schlafen und hungern müssen..."
Wie gehässig das klang..mir liefen kalte Schauder über den Rücken. Ich wusste, dass er dafür sorgen konnte, dass ich fort von hier musste, wenn er es so wollte.
Ich fragte mich, wie das freundliche Königspaar einen solchen Sohn haben konnte.

Als ein hagerer, Mann, in dessen schwarzem Haar bereits die ersten grauen Strähnen zu sehen waren, den Rittersaal betrat, atmete ich zunächst erleichtert auf. Endlich jemand, der mir helfen konnte! Der Mann trug eine blaues Brokatgewand, und darüber einen bordeauxroten, mit Marderfell gefütterten Umhang. Um den Hals trug er ein goldenes, mit Edelsteinen besetztes Kreuz, und an beinahe jedem seiner Finger hatte er einen Ring.
"Bitte helft mir", rief ich ihm zu, denn Prinz Henry hielt mich noch immer am Rock fest, und es gelang mir nicht, mich loszureißen.
In diesem Augenblick war es mir einerlei, ob ich meine Anstellung hier behalten würde, ich wollte einfach nur weg.
"Aber Henry...so etwas tut man doch nicht"; sagte der Mann, der etwa um die fünfzig Jahre alt sein musste, zu dem Prinzen, "was würde dein Vater bloß dazu sagen`?"
Was für ein Glück, endlich half mir jemand. Der Mann trug kostbarste Kleidung, und er wagte es, den Prinzen zu rügen...also musste er jemand sein, der Einfluss auf den jungen Henry hatte, denn kaum jemand sprach den Prinzen einfach bei seinem Vornamen an.
Als ich dann zu dem Fremden aufblickte, und mir das schmale Gesicht mit den feinen Wangenknochen genauer ansah, beschlich mich gleich wieder ein ungutes Gefühl.
In seinem Blick lag keine Anteilname, stattdessen musterte er mich genauso lüstern wie Prinz Henry. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass er seine Rüge an den Prinzen ironisch und keinesweges tadelnd ausgesprochen hatte, es war wohl eher spöttisch gemeint gewesen.
Dieser Mann sah aus wie jemand, der Freude daran hatte, andere zu quälen. Die Kälte in seinen Augen machte mir Angst, nun wusste ich, dass er eine Gefahr für mich war.

"Onkel John"; rief Henry sichtlich erfreut, wie schön, dass du da bist! Wie hast dus denn geschafft, dich an Vaters Wachen vorbei in den Palast zu schleichen?"
Onkel John...das konnté nur jener Prinz John sein, der in ganz Europa für seine Grausamkeit und Hinterhältigkeit berüchtigt war. Sein Leben lang hatte er gegen seinen Bruder Richard konspiriert..und eine der Spülmägde hatte mir erzählt, dass der Prinz einst sogar seinen VAter Henry im Stich gelassen hatte, als der auf dem Totenbett lag und seinen Beistand dringend gebraucht hätte.
Und, schlimmer noch, der Prinz war dafür bekannt, dass er sich jede Frau, die er haben wollte einfach nahm, ganz gleich ob sie wollte oder nicht. Sogar vor verheirateten Frauen schreckte er nicht zurück, wenn ihre Männer protestierten, ließ er sie einfach einkerkern. Schon oft hatte König Richard einschreiten müssen, wenn sein Bruder wieder einmal zu weit gegangen war. Mir war klar, dass meine Lage nun sogar noch schlimmer war als vorher...
Der Prinz grinste hämisch.
"Ach Hal, du kennst doch deinen Vater..dumm und naiv wie ein Schaf ist er. Ich hab einfach den reuigen Bruder gespielt, ein paar Tränchen vergossen, und ihm gesagt, wie leid mir alles tut, und wie sehnlich ich mir eine Versöhnung wünsche. Wir sind doch Brüder, Richard, und Brüder sollten einander nicht bekämpfen...genau das sagte ich ihm.
Seltsam, er fällt jedes Mal erneut darauf herein. Das hat schon damals, vor fast dreißig Jahren, als er aus der deutschen Gefangenschaft zurückkehrte funktioniert. Damals hat er mich überhaupt nicht bestraft sondern einen Saibling für mich auftischen lassen...und dein Vater hat auch heute nicht anders gehandelt, und mich gleich eingeladen, ein paar Tage zu bleiben. Er begnadigt mich jedes Mal...ich kann es selbst kaum glauben...wie kann man nur so töricht sein.."
Henry lachte und klopfte seinem Onkel auf die Schulter.
"Vater ist wirklich ein Narr, da hast du Recht. Stell dir vor, er will mir England nicht geben...obwohl er sich sowieso nicht dort aufhält...er sagt, ich wäre nicth reif genug dafür."
"Genau dasselbe sagt er mir seit zwanzig Jahren...schon damals habe ich ihn um England gebeten. Aber weisst du was ich glaube, Hal? Er will uns kurz halten, weil er die ganze Macht für sich alleine haben will.....so hat er das schon immer gemacht, schon damals, als er noch nicht König von ganz Frankreich war."
"Und meinem Vetter Otto hat er geholfen, deutscher Kaiser zu werden....mir will er nicht mal England geben! Verdammt ungerecht ist das! Wenn er so alt wird wie Großmutter Alienor, dann bin ich schon über vierzig, wenn ich auf den Thron komme..."
Ich konnte nicht fortlaufen, weil Henry mich noch immer am Rock festhielt...und so musste ich mir das Gespräch mitanhören...
"Weisst du, Onkel John, wenn ich Vaters Thron besteigen dürfte, dann würde ich dir England geben...und außerdem noch Italien, das bis jetzt zu Ottos Reich gehört. Aber ich habe ja leider nichts zu sagen...bin ja nur der von Vater ignorierte ewige Thronfolger..."
"Nun, Hal...vielleicht sollten wir beide uns zusammentun"; flüsterte Prinz John seinem Neffen ins Ohr, "zusammen können wir deinen Vater vielleicht enttrohnen...und das sogar ohne einen Krieg zu führen. Wir könnten etwas in seinen Wein tun, damit er für immer einschläft...ich meine, er ist 62 Jahre alt, älter als die meisten Könige überhaupt werden. Er hatte ein langes und erfülltes Leben..aber nun wird es Zeit, dass er geht."

Ich erschrak als ich das hörte...ein Königsmord wurde geplant...und ich wusste Bescheid, nun würde sie mich bestimmt als unliebsame zufällige Mitwisserin töten, bevor ich König Richard von ihren Plänen berichten konnte. Verdammt, wo war ich da nur hineingeraten?
"Vatermord? Ich hasse meinen Vater, aber Mord kommt für mich nicht in Frage, denn das wäre eine große Sünde, für die ich später in der Hölle schmoren muss. Nein, das mache ich auf keinen Fall! Es genügt doch, wenn wir ihn entführen und irgendwo einsperren lassen...dann kann er sein Leben in irgendeiner Höhle im Wald, oder auf einer entlegenen Burg fristen..."
"Gut, wie du willst, Hal. Ich könnte ein paar meiner Männer beauftragen, dass sie ihn entführen, wenn er im Frühjahr wieder auf die Jagd geht. Und dann werden sie ihm die Zunge herausschneiden, und er wird im Wald in eine Höhle gesperrt...falls ihn jemals jemand findet, wird er nicht mehr als der ehemalige König von Frankreich und England zu erkennen sein..", meinte John, "diese Rache ist meiner Meinung nach sogar noch köstlicher, weil er dann für den Rest seines Lebens die Hölle auf Erden durchmachen muss."
Nun erinnerte sich Henry wieder an mich.
"Und was machen wir mit der da? Die hat doch jetzt alles gehört."
Johns Blick ruhte lüstern auf mir, und mir liefen kalte Schauder über den Rücken. Nun wusste ich, warum alle behaupteten, der Prinz wäre vom Teufel besessen.
"Sie muss weg, am besten gleich. Wir bringen sie in die Stadt, erwürgen sie und lassen sie dann irgendwo liegen..dann wird niemand jemals auf die Idee kommen, das wir das gewesen sind. Danach gehen wir noch etwas ins Bordell, da kennen sie mich schon. Wir müsen nichts bezahlen dafür habe ich gesorgt."
Verzweifelt fragte ich mich, wie ich aus dieser misslichen Lage entkommen konnte. War denn niemand in der Nähe, der mir helfen konnte?
In Todesangst schrie ich laut um Hilfe. Zu Favoriten hinzufügenX

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18. Jan 2011, 18:59
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